Medienecho

Landbote, 08.01.2020

Die Welt in den Köpfen

Helmut Dworschak

Wie ein lebendig gewordenes Wimmelbild: Das Stück «Not Interesting» der jungen Zürcher Theatertruppe Hirsekorn.Rüegg ist ein berührendes Spiel gegen die soziale Isolation.

Was brauchen wir jetzt noch? «Not Interesting» ist auch eine Geschichtenwerkstatt.

Was brauchen wir jetzt noch? «Not Interesting» ist auch eine Geschichtenwerkstatt. Bild: Tanja Dorendorf / T + T Fotografie

Was braucht Linus? Den Schal? Das orange Wams könnte zur Geschichte von Erwin passen. Und die Stilettos zu Liliane. So heissen drei der Figuren, die vor unseren Augen zum Leben erwachen, mit Bild und Text: Dagmar Hirsekorn zeichnet und malt sie nach der Art von Comicfiguren, von ihrem Tisch werden sie auf eine Wand in der Mitte der Bühne projiziert, und während sie mit geschmeidigem Stift über das Blatt fährt, gibt sie ihren Figuren zugleich eine Sprache. Oder dann übernimmt Jonas Rüegg das Reden und Spielen; er baut auch die Schachtelwände um oder entnimmt ihnen die Requisiten, wie einer, der gerade eine Lieferung vom Bestelldienst bekommen hat. Das Leben und das Erfinden fliessen ineinander.

Das Bühnenbild besteht aus aufgeschichteten weissen Kartonschachteln, sie sind beweglich und austauschbar wie – scheinbar – auch die Menschen, um die es in dem Stück «Not Interesting» geht: Es sind Allerweltstypen vom unteren Bereich der Gesellschaftspyramide, Gegenentwürfe zu den Promis, die vermeintlich ein interessantes Leben führen. Beim Warten auf die S12 beobachten sie sich und führen Selbstgespräche. Wo genau sie warten, ob in Winterthur, Stettbach oder Zürich, spielt keine Rolle. Die Welt ist ein Wimmelbild, und wir hören, was in den Köpfen los ist. Hier wird ein Tisch in der Pizzeria reserviert, dort ist jemand vor der Fahrstunde bange, und eine junge Frau weiss: «Wenn man Seifenwasser trinkt, bekommt man Fieber.»

Rap über «Behördenmassnahmen»

Mit der Zeit beginnen die Geschichten und Schicksale ineinander zu greifen. Elisa etwa kommt gerade vom Arbeitsamt und will nur weg, weil sie sich schämt. Linus kann oder will seine Zahnarztrechnung nicht bezahlen. Rüegg verkörpert ihn spielerisch, indem er den inneren Monolog auf faszinierende Weise mit gereimter Slam-Poetry über «Behördenmassnahmen» kombiniert und alles in die bekannte Endlos-Schlaufe vom Mann mit dem «hohlen Zahn» packt. Irgendwann fällt der Mann der Frau auf, ein Gespräch beginnt, die beiden kommen sich näher. Sie macht ihm klar, dass er die Demütigung nicht auf sich sitzen lassen soll; später, während gerade das Züri-Fäscht läuft, kommt es zum grossen Knall.

Bild: Tanja Dorendorf / T + T Fotografie

Spiel schlägt in Ernst um und aus Ernst wird Spiel. Hirsekorn und Rüegg mischen raffiniert die Ebenen, gleiten in die Geschichten und springen wieder heraus, und alles fliesst. Dazu kommen ab Band eingespielte Hörspiel-Dialoge, in denen etwa ein Junge seinen Opa mit «Warum»-Fragen festnagelt. Die Szenen sind alltäglich, zuweilen auch absurd oder witzig, wenn etwa der auf die Schachtel projizierte nervös kläfft, während eine eilige Örgelimusik ihren Part abspult. Vieles ist mehrdeutig und offen für die Fantasie der Zuschauer, die Bilder und Motive lassen symbolische Bedeutungen zu. Und ab und zu fliegt einem als Betrachter vielleicht ein Geistesblitz zu. «Not Interesting» ist auch ein berührendes Spiel gegen die soziale Isolation.

Mittels Improvisation entwickelt

Die Schauspielerin und der Schauspieler, beide mit Jahrgang 1981, kennen sich seit ihrer Ausbildung an der damaligen Hochschule für Musik und Theater in Zürich. Sie verloren sich aus den Augen und begegneten sich im Oktober 2018 wieder und begannen an einem Stück über alltägliche Geschichten zu arbeiten. «Not Interesting» ist ihre erste gemeinsame Produktion, sie wird vom Theater am Gleis und der Stadt Winterthur unterstützt. Für die Live-Kamera und die ganze übrige Technik ist Kaspar Schärer besorgt.

Entwickelt wurden die Texte mittels Improvisation, wie Dagmar Hirsekorn beim Probenbesuch am Montag sagte. Das merkt man den Storys auch an: Obwohl die beiden Schauspieler auf der Bühne in der Regel nicht improvisieren, wirken die Texte immer noch so frisch, als würden sie gerade erfunden.

Freitag und Samstag, 20.15 Uhr, Sonntag, 19 Uhr, Theater am Gleis, Untere Vogelsangstrasse 3. Tickets gibt es hier Mehr Informationen zum Stück und den Machern hier.

Interview Radio Stadtfilter, 07.01.2020

Radio Stadtfilter, Politur, 07.01.2020